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  • Daniela

Vipassana Meditation – Mein Erfahrungsbericht 10 Tage in Schweigen

Wenn wir als Neugeborene auf die Welt kommen ist unser Geist so klar und absolut frei von jeglicher Negativität. Im Laufe der Jahre erleben wir neben all den schönen und positiven Erfahrungen auch die negativen und genau diese setzen sich nach und nach tief in unserem Unterbewusstsein fest und sorgen dafür, dass wir immer weniger im gegenwärtigen Moment sind sondern mit unseren Gedanken und Gefühlen entweder in der Vergangenheit leben oder aber bereits in der Zukunft sind. Anstatt in Frieden mit uns selbst und mit allen anderen zu leben, sind wir auf der Suche nach diesem Frieden und der Harmonie, weil es das ist, was in unserem Leben zum glücklich sein fehlt. Und genau hierbei hilft uns die Vipassana Meditation.

Meditation in den Dolomiten bei den Drei Zinnen

Allgemeines zu Vipassana

Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet so viel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Die Technik wurde jahrtausendelang von einem Lehrer zum nächsten weitergegeben und so bis heute überliefert. Die Kurse werden weltweit unter der Organisation Dhamma (https://www.dhamma.org/de/) angeboten und gingen ursprünglich mindestens sieben Wochen. Mittlerweile wurden sie mit zehn Tagen auf ein Minimum gekürzt. Um allen die Erfahrung zu ermöglichen, finanzieren sich die Vipassana-Meditationszentren durch Dana (freiwillige Spenden). Die Unterkunft, Essen und alles was dazugehört werden den Teilnehmern von vorherigen Schüler/innen quasi geschenkt und am Ende kann man selbst spenden um das Geschenk weiterzugeben. Beim Vipassana wird auf tiefer Ebene mit dem Geist gearbeitet und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es wirklich wichtig ist psychisch in einem guten Zustand zu sein da während der Zeit Vieles aus der Vergangenheit „hochkommen“ kann. Die Praxis erfordert viel Selbstdisziplin, es ist aber trotzdem möglich auch ohne große Vorkenntnisse oder regelmäßige Meditationspraxis teilzunehmen.


Dhamma Neru Vipassana Meditation Centre in Spanien

Aufgrund der großen Nachfrage muss man sich über die o. g. Website auf die Vipassana Retreats bewerben und nachdem wir zu der Zeit in Spanien waren hatte ich das Glück in Barcelona im Dhamma Neru Center angenommen zu werden. Zuerst erhielt ich eine Absage, zwei Tage später dann glücklicherweise doch eine Zusage. Das Meditationszentrum liegt eine gute Stunde außerhalb von Barcelona wunderschön in einem Naturschutzgebiet umgeben von Bergen. Untergebracht war ich in einem 14 Bett Zimmer, das Bad haben wir uns mit etwa 25 Frauen geteilt. Das war erstmal kurz ein kleiner Schock weil ich um ehrlich zu sein mit einem Doppelzimmer gerechnet hatte aber im Nachhinein betrachtet nur halb so wild. Das Essen war während des Retreats eines meiner Highlights, es gab nämlich jeden Mittag vegetarisch/vegane Küche vom Feinsten. Das Frühstück morgens war etwas eintönig und am Abend gibt es jeweils nur etwas Obst und Tee, was aber völlig ok war. Die Anleitung der Meditation war jeweils in Englisch und Spanisch und die einstündigen Vorträge am Abend per Audio-Guide in der jeweiligen Muttersprache, also für mich auf Deutsch.


Regeln während dem Vipassana Retreat

Um keinerlei Ablenkungen zu haben und den Fokus auf die Meditation zu erleichtern gibt es einige Regeln. Die bekannteste Regel ist das edle Schweigen. Es wird also in den 10 Tagen nicht gesprochen und auch jede non-verbale Kommunikation soll vermieden werden (Blickkontakt, Gestikulieren). Außerdem muss man vor Beginn des Kurses Schreibmaterialien (zu gerne hätte ich während der Zeit Tagebuch geführt) abgeben und auch Handy, Bücher & Co. Sport inkl. Yoga ist wegen der Ablenkung ebenfalls nicht erlaubt (ich musste aber wegen dem vielen Sitzen zumindest zwischendurch ein bisschen Stretching machen) und Männer und Frauen meditieren während des Vipassana Retreats getrennt voneinander.


Außerdem gelten für die gesamte Zeit die folgenden Regeln:

  1. Kein Lebewesen töten (auch keine Mücken oder Spinnen)

  2. Nicht stehlen

  3. Keine sexuellen Aktivitäten während der Kursdauer

  4. Nicht lügen

  5. Keine Rauschmittel einnehmen (inkl. Alkohol und Zigaretten)

Für alle die bereits einen Kurs gemacht haben kommen noch die folgenden drei Regeln dazu:

  1. Nach 12 Uhr mittags nichts mehr essen

  2. Verzicht auf alle sinnlichen Vergnügen sowie Körperschmuck

  3. Schlafen in nicht zu weichem oder luxuriösem Bett

Der Tagesablauf

Der Tagesablauf hat es wirklich in sich und in Summe werden jeden Tag 10 Stunden meditiert, da bleibt nicht viel Zeit für anderweitige Aktivitäten. Das frühe Aufstehen ist mir tatsächlich relativ leicht gefallen was evtl. auch am Mehrbettzimmer lag und man doch etwas unter Gruppenzwang stand.

  • 04:00 Uhr Morgengong - Aufstehen

  • 04:30 bis 06:30 Uhr Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer

  • 06:30 bis 08:00 Uhr Frühstück & Pause

  • 08:00 bis 09:00 Uhr Gruppenmeditation in der Halle

  • 09:00 bis 11:00 Uhr Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer

  • 11:00 bis 13:00 Uhr Mittagessen, Pause & Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer

  • 13:00 bis 14:30 Uhr Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer

  • 14:30 bis 15:30 Uhr Gruppenmeditation in der Halle

  • 15:30 bis 17:00 Uhr Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer

  • 17:00 bis 18:00 Uhr Tee & Pause

  • 18:00 bis 19:00 Uhr Gruppenmeditation in der Halle

  • 19:00 bis 20:15 Uhr Vortrag von S. N. Goenka

  • 20:15 bis 21:00 Uhr Gruppenmeditation in der Halle

  • 21:00 bis 21:30 Uhr Zeit für Fragen

  • 21:30 Uhr Nachtruhe

Wie funktioniert die Vipassana Meditation?

Die eigentliche Vipassana Meditation wird erst ab Tag 4 praktiziert und es handelt sich dabei um eine Art Body Scan, bei dem in jedem Körperteil die Empfindungen (sowohl negative als auch positive) beobachtet werden. Zu Beginn verspürt man fast ausschließlich „grobe“ Empfindungen wie Schmerzen vom Sitzen, Hitze & Kälte oder beispielsweise ein Jucken am Kopf. Nach und nach werden die Empfindungen immer „feiner“, man beginnt Energien zu spüren, entwickelt Gleichmut und kann sich so mit der Technik immer mehr von der Negativität der Vergangenheit trennen.


Nachdem es nahezu unmöglich ist, sein ganzes Leben so zu arrangieren, dass alle Wünsche erfüllt werden und nichts Unerwünschtes passiert, ist die Frage wie es uns in diesen Situationen gelingt trotzdem friedlich und harmonisch zu bleiben. Gut ist es, wenn wir es erstmal schaffen den Geist abzulenken in dem wir beispielsweise aufstehen, herumlaufen, ein Glas Wasser trinken. Dies funktioniert allerdings nur auf der bewussten Ebene des Geistes also an der Oberfläche, in Wirklichkeit läuft man vor den Problemen weg und die Negativität gelangt durch die Ablenkung tiefer ins Unterbewusstsein. Wie oft hab ich selbst die Erfahrung gemacht, dass mich aus verschiedensten Gründen heftiger Ärger überkommt und ehe ich mir diesem bewusst werde, sage oder tue ich Dinge die mir und auch anderen schaden. Oftmals bereue ich es schon nach kurzer Zeit aber irgendwann wenn ich wieder in einer ähnlichen Situation bin, reagiere ich genauso wieder.


Wenn diese Negativität im Geist entsteht, verliert zum einen der Atem seinen normalen Rhythmus (wird unruhig) und zum anderen werden gewisse Empfindungen im Körper hervorgerufen. Beim Vipassana wird beides, Atmung und Empfindungen, beobachtet und somit auch die geistigen Unreinheiten. Anstatt vor dem Problem davonzulaufen, stellt man sich der Wirklichkeit, wie sie ist. So verliert die Unreinheit ihre Kraft und kann uns nicht mehr überwältigen. Wenn wir diese Technik immer weiter praktizieren, wird die Negativität irgendwann ganz verschwinden und wir können beginnen, ein friedvolles und glückliches Leben zu führen. Wir entwickeln außerdem Gleichmut, der uns hilft zu verstehen, dass es nichts bringt an Dingen festzuhalten. Alle Erfahrungen und Erlebnisse, egal ob positiv oder negativ, sind nur Momentaufnahmen und vergehen, ob wir es wollen oder nicht. Darum sollten wir die schönen Dinge genießen solange sie da sind aber auch die weniger schönen hinnehmen mit dem Wissen, sie werden vergehen.


Tag 1 - 3

In den ersten drei Tagen versucht man während der Meditation die Aufmerksamkeit solange wie möglich ohne Unterbrechung auf den Atem zu richten. Der Geist wird quasi trainiert, sich auf nur ein Objekt, den Atem, zu konzentrieren. Anders wie beim Pranayama (Atemübung) wird der Atem nicht reguliert, sondern man betrachtet den natürlichen Atem wie er kommt und geht. Hierbei wird der Geist ruhiger, konzentrierter und feinfühliger und wird auf die eigentliche Vipassana Meditation vorbereitet. Sobald es im Außen leise war, wurde es in mir drinnen erstmal richtig laut und die ersten beiden Tage hatte ich das Gefühl, mein Geist war nonstop aktiv. Dazu kamen noch extrem starke Kopfschmerzen, vermutlich durch den Kaffee- bzw. Koffeinentzug. Am dritten Tag hatte ich dann mein erstes Erlebnis im Hier & Jetzt und war einfach komplett gedankenlos. Das war auch der erste Tag an dem ich mich in der Pause nicht zum Schlafen hingelegt habe sondern raus in den Garten bin um spazieren zu gehen. Und dann hab ich plötzlich gesehen, wie wunderschön das Meditationszentrum landschaftlich liegt (als ich ankam lag alles im Nebel). Ich kam raus und hatte ringsum Blick auf die schneebedeckten Gipfel was mich direkt zu Tränen gerührt hat.


Tag 4 & 5

Der vierte & fünfte Tag waren für mich im Nachhinein betrachtet die schlimmsten beiden Tage. Das Sitzen wurde fast unerträglich und auf Nachfrage habe ich immerhin als Unterstützung eine Meditationsbank bekommen. Ich hatte sowohl beim Sitzen, Laufen, Stehen und selbst beim Liegen so heftige Schmerzen im unteren Rücken, dass ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte. Dabei startete am Tag vier die eigentliche Vipassana Praxis (wie oben beschrieben) und wir sollten uns wenn möglich während den Meditationen auch nicht mehr bewegen. Eigentlich sollten wir langsam beginnen Gleichmut zu entwickeln, bei mir kam in den zwei Tagen aber fast ausschließlich Wut & Verzweiflung hoch, noch dazu hat sich eine ordentliche Grippe angekündigt und ich bin jeden Morgen schweissgebadet aufgewacht. Viele haben ähnliche Erfahrungen gemacht und laut der Meditations-Lehrerin handelte es sich auch um eine gewisse Art von Reinigung des Körpers. Ob nun Grippe oder Reinigung, die beiden Tage waren für mich eine ziemliche Qual.


Tag 6 - 9

Die darauffolgenden Tage waren dann ein auf und ab der Gefühle. Es gab Momente in denen ich komplett bei mir war und dann wieder mit meinen Gedanken mehr in der Außenwelt. Zwischendurch fiel es mir auch unglaublich schwer nicht zu wissen wie es beispielsweise grade Patrick und Maja geht und es hat mich ganz kirre gemacht mich nicht bei ihnen melden zu können. Immerhin hatte ich die Schmerzen wieder im Griff und es fiel mir von Tag zu Tag leichter während den Meditationen bewegungslos zu sein, was den Geist automatisch hat ruhiger werden lassen.

Tag 10

Nach der morgendlichen 9 Uhr Meditation wurde das edle Schweigen gebrochen und von allen Seiten ging das große Geschnatter los. Ich hab die Zeit im Schweigen unglaublich genossen und bin erstmal direkt in den Garten geflüchtet um noch ein bisschen für mich zu sein. Nach kurzer Zeit wurde ich aber darauf hingewiesen, dass es extrem wichtig sei wieder zu Sprechen um es am nächsten Tag leichter zu haben wieder in die „normale“ Welt bzw. in den Alltag reinzukommen. Das war tatsächlich ein extrem merkwürdiges Gefühl wobei es nach und nach auch total schön war sich mit allen über die Erfahrungen der letzten Tage auszutauschen.


Am Tag 10 haben wir dann zusätzlich zur Vipassana Meditation noch die Metta Meditation (auch liebevolle Güte genannt) praktiziert. Diese Meditationstechnik stammt ebenfalls aus Indien und es geht dabei in erster Linie darum, Liebe in einem selbst zu finden. Wenn wir uns selbst mit dieser Bedingungslosigkeit entgegen treten, fällt es leichter, auch allen anderen Lebewesen so zu begegnen und die Liebe zu übertragen. Das Ziel ist also auch die Menschen um einen herum ohne jegliche Bedingung anzunehmen auch wenn sie beispielsweise Fehler machen. Die Metta Meditation habe ich bereits vor dem Retreat praktiziert und die Technik ist für mich eine der schönsten und wirkungsvollsten überhaupt und war so ein wundervoller Abschluss der 10 Tage.


Mein Fazit

In der Stille wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie laut eigentlich Denken sein kann. Aber nur so hatte ich die Möglichkeit Dinge an die Oberfläche kommen zu lassen, zu verarbeiten und anschließend gehen zu lassen. Ich hab das Gefühl wieder gelernt zu haben, die kleinen Dinge zu schätzen. Durch das Leben im Van verbringen wir die meiste Zeit in der Natur und so Vieles wurde in den letzten Monaten zur Selbstverständlichkeit. Jeden Morgen einen Sonnenaufgang mit Blick auf die Berge, eine Tasse Kaffee am Meer, all das kann ich grade wieder so sehr genießen. Mir wurde außerdem deutlich bewusst, dass unsere Zeit begrenzt ist und wir alles dafür tun müssen diese Zeit bestmöglich zu nutzen und unseren Träumen nachzugehen, auch wenn wir mit diesen vielleicht etwas aus der Reihe tanzen und auch nicht direkt von all unseren Liebsten Zuspruch erhalten. Mein Plan ist es auf jeden Fall im nächsten Jahr erneut einen Vipassana Kurs zu besuchen (das wird so auch empfohlen), um noch tiefer in die Praxis einzutauchen und noch mehr Gleichmut zu entwickeln.


Hast du selbst schon mal an einem Vipassana Retreat teilgenommen oder noch irgendwelche Fragen? Dann melde dich gerne bei mir über das Kontaktformular oder schreib eine Nachricht über Instagram. Ich freue mich auf den Austausch mit dir!


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